WM 2006: Die Welt zu Gast bei Feinden?
Noch nicht einmal mehr 50 Tage – dann wird das erste Spiel der Fußball WM in Deutschland angepfiffen. Viel ist in den vergangenen Wochen diskutiert worden: Über die Angst vor ausländischen Hooligans und von möglichen Terroranschlägen. Nach rassistischen Vorfällen in deutschen Fußballstadien und dem Überfall auf einen Deutsch-Äthiopier in Potsdam stellt sich jetzt allerdings immer mehr die Frage, ob die “Welt zu Gast bei Freunden” sein wird – oder nicht etwa auch bei vielen Feinden.
Von Stefan Buchen, Patrick Gensing und Volker Steinhoff
Oberliga-Spiel in Halle Anfang März: Immer wenn der afrikanische Spieler Ade Ogungbure von Sachsen Leipzig an den Ball kommt, machen die Fans Affenlaute. “Sie machten ‘uh, uh, uh’ – wie die Affen, riefen ‘Bimbo’, immer wenn ich an den Ball kam”, berichtet Ogungbure. Er habe versucht, dies zu ignorieren – wie auch sonst immer bei den anderen Auswärtsspielen. Doch “irgendwann kommt der Punkt im Leben, wo man es nicht mehr aushält, wo man sich wehren muss”, sagt der Abwehrspieler.
Nach dem Spiel in Halle stellt sich Ogungbure vor die Haupttribüne – von dort kamen die rassistischen Schmähungen – und zeigt den Hitlergruß. Die Botschaft: “Ihr seid Nazis!”. Daraufhin stürmt der Mob das Spielfeld und will Vergeltung. “Ich wurde hinten auf den Hals geschlagen – es tut immer noch weh”, so Ogungbure. Aber immerhin wisse jetzt jeder, was passiert sei. “Früher hat das keinen interessiert, aber seit meinem Hitlergruß – der natürlich falsch war – da ist das eine große Geschichte.”
Fehlende Sensibilität beim “Schwarzafrikaner”?
Nach den Vorfällen ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft zunächst nicht gegen die Angreifer, sondern gegen Ogungbure. Doch inzwischen ist das Verfahren eingestellt worden – zum Ärger der Fans in Halle. “Der soll ordentlich bestraft werden! Wir kriegen auch ein bis anderthalb Jahre aufgebrummt, wenn wir einen Hitlergruß machen”, meint einer. Mit solchen “Feinheiten” hält sich ein junger Mann gar nicht auf: “Afrikaner mit Hitlergruß? Erschießen! Einfach nur erschießen, den Mensch!”
Und Ogungbures eigener Verein? “Ihm war die Sensibilität der Sache als Schwarzafrikaner nicht bewusst. Das war nur eine Provokation, seine Reaktion darauf war nicht richtig”, meint Rolf Heller, Präsident von Sachsen Leipzig.
Asamoah kann es nicht mehr hören
Solche Ratschläge kennt der deutsche Nationalspieler Gerald Asamoah zu Genüge: “Provokation? Wir Farbige, denen das passiert – für uns ist es nicht einfach. Es bedeutet: Wir sind fremd! Und es stört beim Spiel. Das ist nicht nur eine Provokation. So ein Schwachsinn, wenn ich sowas höre!”
Rassismus und Gewalt waren früher auch in der Bundesliga üblich, sind jetzt aber in die unteren Ligen verdrängt worden. Hier fehlt das Geld für Prävention und Repression: Fanbetreuer, Videoüberwachung, Stadionverbote. Der Trainer des Halleschen FC, Ex-DDR-Nationalkeeper René Müller, warnt vor den Folgen für die WM. Es bringe nichts zu schreiben: “Die Welt zu Gast bei Freunden”, wenn man die brisante Oberliga vergesse. Die Entwicklung sei schon seit der Wende zu beobachten gewesen. “Da muss man sich besser darauf vorbereiten”, so Müller, der auch WM-Botschafter ist.
“Vor der WM steigt der Rassismus wieder an”
Der Fan-Experte Gerd Dembowski dokumentiert rassistische Vorfälle und Angriffe im deutschen Fußball. Er betont, er habe in der letzten Zeit “stark beobachtet, dass Leute aus den unteren Ligen Länderspiele missbrauchen, um rassistisches Gedankengut an den Mann zu bringen; gerade auch bei Auswärtsspielen der deutschen Nationalmannschaft. Vor der WM steigt Rassismus wieder an”, stellt Dembowski fest.
Offener Antisemitismus im Stadion
Das zeigt sich auch in der 2. Bundesliga. Etwa wenn Dynamo Dresden gegen Energie Cottbus spielt. Mit einem “Zigeuner”-Transparent wollen Dresdner Fans die Cottbusser beleidigen. Deren Antwort beim nächsten Aufeinandertreffen: Ein mehrere Quadratmeter großes “Juden”-Transparent. “Juden” – offenbar die schlimmste Beleidigung, die sich diese Leute vorstellen können. “Juden”-Rufe gibt es auch bei anderen Partien, beispielsweise bei Aue gegen Dresden.
Antisemitismus auch bei einer Regionalliga-Partie Anfang April in Hamburg: Der Chemnitzer FC ist zu Gast beim FC St. Pauli. Bereits vor dem Spiel kommt es zu Nazi-Sprüchen und Ausschreitungen durch die Chemnitzer Fans. Das Spiel selbst muss mehrere Minuten wegen Rauchbomben und Ausschreitungen unterbrochen werden. Die eher linken St. Paulianer erinnern sich besonders an einen Spruch der Chemnitzer: “Eine U-Bahn, eine U-Bahn bauen wir – von St. Pauli bis nach Auschwitz – eine U-Bahn bauen wir”. Der Sicherheitsbeauftragte des FC St. Pauli, Sven Brux, kennt das allerdings bereits. Es sei für rechte Fußballfans sozusagen bereits ein Klassiker bei Spielen gegen St. Pauli, so Brux.
Auch die Polizei in Hamburg kann die Randale der Chemnitzer Fans nicht verhindern. Dabei müsste sie eigentlich gut vorbereitet sein, denn die Hansestadt ist WM-Standort. Immerhin – einige der Randalierer kann sie festnehmen. Laut Polizeiangaben ergaben die Identitätsfeststellungen, dass es sich eindeutig um rechtsradikale Fußballfans handelte.
Stadionfolklore – Rassismus als Heimatkultur
Besonders nach den jüngsten Vorfällen wiederholt Fan-Experte Dembowski seine Forderungen. Vereine und Verbände müssten stärker reagieren, mahnt er. Denn sonst werde Rassismus zur Stadionfolklore, besonders in den unteren Ligen. “Und das führt dazu, dass es von allen Fans akzeptiert wird. Wenn jetzt ein Jugendlicher zum ersten Mal ins Stadion kommt und sieht, das ist hier Gang und Gäbe, dann hat das eine Vorbildrolle für die”, so Dembowski.
Denn für manche Zuschauer scheint nichts dabei zu sein, einen dunkelhäutigen Menschen als Affen zu verhöhnen. Dies sei nicht politisch, dann müsste man ja hinter jeder Unmutsäußerung etwas Politisches vermuten, meint ein Zuschauer in Halle. Ein anderer Fan beschwert sich: Da könne man nur mal ‘uh uh uh’ rufen – “und schon ist man rassistisch”. Ein Anhänger des BFC Dynamo Berlin sieht sich ebenfalls nicht als Rassist. Denn “der Feind ist nicht der Neger in der Bundesliga. Der Feind ist der, der das ermöglicht, dass sie überhaupt hier spielen.”
Quelle: tagesschau.de
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Mit dem Hitlergruß: Die Welt zu Gast bei Freunden?
Ob ein afrikanischer Fußballspieler durch Affenlaute aus dem Publikum verhöhnt wird, Transparente mit der Aufschrift “Zigeuner” Dresden), dann “Jude!” (Kottbus) die gegenerischen Fans beleidigen sollen, eine “U-Bahn nach Auschwitz” als Schlacht…
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[...] Rassistische Vorfälle in der Bundesliga (Gladbach gegen Aachen), im Pokal (Rostock II gegen Schalke 04), in der Folge ein schwarzer Nationalspieler, der seinen Rückzug aus der Auswahl wegen Rassismus nicht ausschließt. Englische U21-Nationalspieler erheben Rassismus-Vorwürfe gegen deutsche U21-Nationalspieler. In der Oberliga Nordost werden Schwarze erneut bepöbelt – wieder heißt das Opfer Ade Ogungbure. Dazu kommt ganz aktuell antisemitische Hetze beim Spiel des jüdischen Fußballvereins TuS Makkabi in Berlin. Das Sommermärchen ist zu Ende. Doch gab es vor der WM noch hysterische Aufschreie über angebliche NPD-Aufzüge während des Fußball-Fests, schläft die Berichterstattung über die Vorfälle jetzt langsam wieder ein. Das Sommermärchen von einem Deutschland ohne Rassisten ist eben zu Ende. Von admin Reaktionen auf diesen Beitrag via RSS 2.0 Derzeit ist kein Kommentar möglich, bitte diskutieren Sie hierzu via Trackback! Keine Kommentare möglich. Kategorien [...]
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