Wird das Internet zum “Weltnetz”?
Das Angebot an deutschsprachiger, rechtsextremer Propaganda im Internet hat nach Angaben einer Arbeitsgruppe der Bundesländer im vergangenen Jahr einen Höchststand erreicht. Das Team beobachtete 1635 rechtsextreme Websites und dokumentierte mehr als 750 rechtsextreme Videos und Profile auf interaktiven Web-2.0-Plattformen wie vor allem YouTube oder SchülerVZ. Das war so viel rechtsextremes Material wie noch nie seit Beginn der Beobachtungen im Jahr 2000, wie der Leiter des Teams jugendschutz.net, Stefan Glaser, in Berlin erläuterte. Die Stelle geht von Mainz aus systematisch gegen rechtsextreme Propaganda im Internet vor.
Diese Meldung lief am 06. Juni 2008 über alle Agenturen und wird in sämtlichen großen Medien verbreitet. Allerdings wird dabei wenig thematisiert, was dieser Anstieg überhaupt bedeuten könnte. So sind immer mehr Bundesbürger online – und eben auch die Neonazis setzen auf das Internet – genau wie jede andere Subkultur, wie jeder Malerbetrieb einer Kleinstadt, wie jede wohltätige Organisationen. Das Internet ist für die Werbung, Kontaktaufnahme und Koordination insgesamt unverzichtbar geworden.
Mobilisierung zu Aufmärschen
Da die Zahl der Neonazis offenbar stagniert, erstellen gleich viele Nazis mehr Angebote. Dies könnte zwei Gründe haben: Zu jeder größeren Demonstration werden Mobilisierungsseiten erstellt, die zumeist nur wenige Wochen aktuell sind und sich zumeist sehr ähneln. Der Inhalt beschränkt sich auf einen Demonstrationsaufruf, Kontaktdaten und Werbematerial. Zum anderen verfügen mehr jüngere Kader über das notwenige Wissen, um Online-Angebote zu schaffen. Außerdem ist es ein Kinderspiel, Videos über YouTube beispielsweise zu verbreiten.
Rechtsextreme Bewegung zunehmend zersplittert
Zudem spiegelt die gestiegene Zahl der Web-Seiten aber auch die Zersplitterung / Ausdifferenzierung der rechtsextremen Bewegung wider. Zahlreiche Gruppen von “Autonomen Nationalisten” haben sich gegründet, jede hat eine eigene Präsenz im Internet. Mehr Seiten muss also nicht gleich auch mehr Einfluss bedeuten, im Gegenteil, es entsteht auch Konkurrenz untereinander. Auch bei der NPD werden daher fleißig neue Websites erstellt; die Mitgliederzahl steigt aber kaum noch. Im Gegenteil: In Sachsen brach sie um 15 Prozent ein.
Zudem ist das einflussreiche Neonazi-Portal Störtebeker.net nicht mehr online, auch ein größerer neonazistische Anbieter von Webspace musste jüngst aufgeben. Dagegen entstehen ständig neue Projekte gegen Rechtsextremismus. Neben Angeboten wie NPD-BLOG.INFO, redok, bnr, Mut-gegen-rechte-Gewalt, Endstation Rechts, Störungsmelder gibt es nun auch das Netz gegen Nazis, welches wegen einer vermeintlichen Beliebigkeit allerdings von einigen Experten kritisiert wird, sowie www.online-beratung-gegen-rechtsextremismus.de, www.komplex-rlp.de und www.menschenrechte.jugendnetz.de und viele weitere Online-Portale.
Das Problem der Rechtsextremisten im Internet soll hier nicht kleingeschrieben werden, es ist absolut geboten, gegen die Nazi-Propaganda vorzugehen, besonders bei großen Portale wie YouTube, SchülerVZ oder MySpace. Besonders gilt es auch, neurechte Tendenzen bei Wikipedia weiter zu beobachten. Doch das Internet stellt für die Neonazis nicht nur eine Möglichkeit dar, ihre Propaganda zu verbreiten, es ermöglicht Beobachtern der rechtsextremen Bewegung auch hilfreiche Einblicke in Strukturen und Strategien. Dies erfordert aber eine inhaltliche Analyse der rechtsextremen Seiten, eine reine quantitative Angabe nützt nicht viel.

“…neurechte Tendenzen bei Wikipedia … “?
Das bezieht sich doch hoffentlich nicht auf diese PDS-Strafanzeige?
Schon im Januar 1992 hatte die NPD einen Info-Dienst und Btx-Service der Deutschen Post gestartet. Mitte der neunziger Jahre gründeten Berliner Rechtsextremisten imOffenen Kanal der Hauptstadt ein “Radio Germania”. Seither hat die Zahl rechtsextremer Hompages – wie oben geschildert – stark zugenommen.
Die Flut ist offenbar nicht mehr zurückzuhalten. Schlimm ist , dass viele Nazi-Auftritte oft nicht als solche zu erkennen sind. Man ködert die Jugendlichen mit Angeboten wie Hausaufgabenhilfe oder Freizeitfahrten um so schleichend ihre rechtsextremen Botschaften zu vermitteln.
Verfassungsschutz, Polizei und Justiz erweisen sich bisher als hilflos, wenn es gilt, das braune Treiben im Internet zu unterbinden. Ob der Appell von Stefan Glaser von der länderübergreifenden Arbeitsgruppe an die Provider Gehör findet, selbst stärker tätig zu werden, bleibt abzuwarten.Wichtig sei , technisch zu verhindern, dass gelöschte Videos erneut hochgeladen werden.
Gefragt sind aber auch Elternhaus und Schule die wohl als erste erfahren dürften in welche Ideologiefalle die Jugendlichen geraten sind.
“Wird das Internet zum ‘Weltnetz’?”
Diese Überschrift halte ich für sehr unglücklich gewählt. Denn sie impliziert doch auch im Umkehrschluß, daß ein jeder, der vom “Weltnetz” spricht, ein Nazi ist.
Ich bin keiner, verwende aber, wenn möglich und eindeutig, deutsche Begriffe statt Anglizismen. Weltnetz und Netzseite empfinde ich als völlig normale deutsche Begriffe.
Heinz_OH
[...] auch: Wird das Internet zum “Weltnetz”?, Neonazis in sozialen Netzwerken: Jugendschutz.net appelliert an [...]
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