Berlin: Treitschkestraße bekommt nun auch Treitschke-Zitate
Die nach dem Antisemiten Treitschke benannte Straße in Berlin-Steglitz bekommt nun eine Informationsstele. Die Kritiker sind damit nicht zufrieden und zürnen. Zur Umbenennung konnte sich die schwarz-grüne Mehrheit nicht durchringen.
“Die Juden sind unser Unglück!”. Mit diesem Zitat beginnt die Ausstellung im Holocaust History Museum von Yad Vashem in Jerusalem. Geprägt wurde dieser antisemitische Satz vom Geschichtsprofessor Heinrich von Treitschke im Jahr 1879. Von Treitschke löste damals den so genannten Berliner Antisemitismus-Streit aus. Inhalt des Treitschkestreits war die Diskussion über den Einfluss des Judentums im Kaiserreich, die Begrenzung der Judenemanzipation, der Ausschluss der Juden von allen hohen Staatsämtern und das Ende der jüdischen Einwanderung. Im Jahr 1906 wurde in Berlin-Steglitz von Treitschke mit einer eigenen Straße gewürdigt (Google-Maps), genauso wie in Karlsruhe, Hannover, München, Stuttgart, Heidelberg und Essen. In Berlin-Steglitz bekommt die Treitschkestraße am 21.11.2008 von der schwarz-grünen Bezirksmehrheit eine Informationsstele und eine anliegenden Grünfläche wird in “Harry-Bresslau-Park” umbenannt. Harry Bresslau war von Treitschkes Gegenspieler und stellt heute mit 200 Metern Grünfläche den Widerstand zur 800 Meter fassenden Treitschkestraße dar. Der Sprecher der Initiative gegen die Treitschkestraße, Michael Karnetzki, erklärte vor wenigen Wochen gegenüber der Taz: “Wer Treitschke mit einem Straßennamen ehrt, der ehrt den Antisemitismus”.
Gegenüber der Taz zürnt auch die SPD und sähe die Gedenktafel am liebsten “eingestampft”, denn die antisemitischen Positionen Treitschkes würden ohne Distanzierung dargestellt und dessen Gegner kämen nicht ausreichend zu Wort. Für den CDU-Fraktionschef Torsten Hippe dagegen sei die Informationstafel wissenschaftlich fundiert und die Stele bestens geeignet, um eine öffentliche Diskussion über Treitschke im Bezirk zu animieren. Ein “Meilenstein” stellt die Stele sogar für die Fraktionschefin der Steglitzer Grünen, Christa Markl-Vieto, dar. Sie freut sich und sieht einen “Impuls zum Diskutieren, Informieren und Nachlesen”. Eigentlich wäre es so einfach: Es gibt eine faktische Mehrheit von SPD, Grünen und FDP in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) von Steglitz-Zehlendorf, die einer Umbenennung zustimmen würden. Würden sie nur wollen. Denn die schwarz-grüne Zählgemeinschaft im Bezirk sieht in dieser Legislaturperiode keine Umbenennung vor, auch wenn es lange Zeit eine Forderung der Bezirksgrünen war. Die SPD möchte nun ein Bürgerbegehren anstreben.
Siehe auch: Berlin: Schwarz-grüner Pakt für Antisemiten Treitschke

Wollte eigentlich schreiben “Die Treitschkestraße ist Steglitz-Zehlendorfs Moorburg.”
Vergleich hinkt aber – Treitschkestraße wäre politisch leicht zu killen. Man muss nur wollen.
Hier ein Link zu einem Bericht mit Foto zur Aktion für die Umbenennung der Treitschkestraße:
http://www.jungewelt.de/2008/11-12/017.php
Könntet Ihr ja vielleicht in Euren Bericht miteinbauen
Die genauen Details des Treitschke-Streites kenne ich leider nicht, möchte aber dennoch anmerken, dass Treitschkes Verhältnis zum Judentum durchaus ambivalent war. Neben einigen eindeutig antisemitischen Äußerungen gibt es im Gesamtwerk auch eher judenfreundliche, bzw. vorherige antisemitische Äußerungen relativierende Stellen.
Die heutige Sicht auf Treitschke als einen radikalen Antisemiten liegt wohl in der Hauptsache an einer von den Nazis systematisch betriebenen Vereinnahmung des preußischen Vorzeigehistorikers. Interessanterweise basieren viele der heutigen Treitschkeausgaben auf Vorlagen aus den Jahren 1933-45. Aus NS-Sicht ungewünschte Textstellen sind in diesen Editionen gekürzt bzw. verfälscht worden.
@Flo: Treitschke hat einen wesentlichen Beitrag zur antisemitischen Stimmung geleistet. Seine “positiven” Aussagen kenne ich nicht und sehe auch keinen Gewinn für die Debatte, wenn man beispielsweise sagen würde, dass er “nur 80 Prozent Antisemit” war.
Nun ja, im Sinne einer historisch gerechten Darstellungen darf man nicht den Fehler machen, und anachronistisch vor dem Hintergrund des Rassenantisemitismus und seiner schrecklich Konsequenzen auf Treitschke schauen. Antisemit war er wohl, aber auf seine ganz eigene Weise. Das Zitat Golo Manns im Wikipediaeintrag zu Treitschke trifft diese Einstellung ganz gut.
Es geht nicht darum, anzugeben zu wie viel Prozent jemand Antisemit war. Auch Antisemitismus hat und hatte Schattierungen sowie regional oder kulturell gefärbte Eigenheiten. Dies darzustellen und zu berücksichtigen gehört zu einer historisch richtigen Aufarbeitung.
Mich stört es einfach, dass heute noch die NS-Propaganda Erfolge feiert, bsp. wenn der Weg vom Antisemitismus eines Treitschke zum Rassenantisemitismus der Nazis als logische Konsequenz bezeichnet wird.
Ein Nachtrag zur Verdeutlichung:
Treitschkes antisemitische Einstellung ist abstoßend und verurteilungswürdig, man wird aber weder ihr noch der Einzigartigkeit des auf die Spitze getriebenen Radikalantisemitismus der Nazis gerecht, wenn man gleichsetzt und Treitschke als Wegbereiter des NS bezeichnet.
[...] Auch in anderen Städten sollen “Treitschkestraßen” umbenannt werden, so z. B. in Berlin-Steglitz. Auch stehen solche Maßnahmen immer im Verruf, irgendwie “überflüssig” zu sein. Dem [...]
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