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Papst publizierte als Kurienkardinal angeblich in einem rechtsextremen Magazin

09. Februar 2009 20:22 140 mal gelesen Kein Kommentar

Nach Presseberichten hat der Papst im Jahr 1998 für eine rechtsextreme Zeitschrift geschrieben. Der damalige Kurienkardinal Josef Ratzinger habe im Aulaverlag im Rahmen einer Festschrift “1848 – Erbe und Auftrag” publilziert, berichtete die Tageszeitung ÖSTERREICH. Der Aula-Verlag werde vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) als rechtsextrem eingestuft.

Ratzingers Beitrag erschien demnach unter dem Titel “Freiheit und Wahrheit” und beschäftigt sich mit dem seiner Ansicht nach falschen Freiheitsbegriff der Gegenwart. Ratzinger schreibt unter anderem: “Ein Verständnis von Freiheit, das
als Befreiung nur immer weitere Auflösung von Normen und die ständige Ausweitung individueller Freiheit bis hin zur völligen Befreiung von aller Ordnung ansehen mag, ist falsch”, zitiert die Zeitung.

Das DÖW kommentierte den Artikel so: “Der rechtsextreme Aula-Verlag schmückt sich mit der Autorenschaft des Präfekten der Glaubenskongregation im Vatikan, Kardinal Joseph Ratzinger.” Als Herausgeber der Denkschrift fungierte Aula-”Schriftleiter” Otto Scrinzi, ehemaliger SA-Sturmführer, Ex-NSDAP-Mitglied und dann – FPÖ-Nationalratsabgeordneter. Mitherausgeber der Schrift ist der deutsche Rechtsextremist Jürgen Schwarz. Für den Grünen Abgeordneten Karl Öllinger, der die Schrift entdeckte, muss die Stellung von Benedikt XVI. in der Debatte um die rechte Pius-Bruderschaft jetzt völlig neu bewertet werden.

Kontakte zur NPD

Im Aula-Verlag werden auch CDs angeboten wie “Grüne Teufel – Lieder der deutschen Fallschirmtruppe” oder Bücher, die die deutsche Schuld am 2. Weltkrieg leugnen. Zudem werden Puzzle angeboten, die das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937 zeigen. Das Magazin schaltete laut DÖW bereits Anzeigen für die NPD. Im August 2008 veröffentlichte Aula ein Interview mit dem NPD-Landtagsabgeordneten Jürgen Gansel, der für einenTiefpunkt der bundesrepublikanischen Parlamentsgeschichte sorgte, als er vom “Bombenholocaust” in Dresden sprach.

Das DÖW schreibt über die Aula:

Der Aula-Verlag und vor allem die von ihm herausgegebene Zeitschrift Aula sind in den letzten Jahren in den Mittelpunkt des rechtsextremen Spektrums Österreichs gerückt und haben sowohl in politisch-organisatorischer Hinsicht als auch und noch stärker in politisch-weltanschaulichen Belangen eine zentrale Funktion erlangt, insbesondere als Brücke von der FPÖ zu allen außerparlamentarischen Strömungen des Rechtsextremismus und Deutschnationalismus. Im Wesentlichen repräsentiert die Aula das deutschnationale bis rechtsextreme Milieu in Österreich. Offiziell ist der Aula-Verlag im Gemeinschaftsbesitz der Arbeitsgemeinschaft der Freiheitlichen Akademikerverbände Österreichs und steht in engem organisatorischen Zusammenhang mit den deutschnationalen Burschenschaften Österreichs. Akademikerverbände wie Burschenschaften stellen ein wichtiges intellektuelles Nachwuchsreservoir nicht nur der FPÖ, sondern einer ganzen Reihe rechtsextremer und selbst neonazistischer Gruppierungen dar.

Deckte die Aula früher ein breites Spektrum vom Neonazismus bis zu einem sich demokratisch verstehenden Deutschnationalismus und zu rechtskonservativen Positionen ab, so wurde dieses in jüngster Zeit etwas eingeengt. Nachdem Herwig Nachtmann im August 1995 wegen eines Verstoßes gegen das NS-Verbotsgesetz verurteilt worden war (» Prozess nach NS-Verbotsgesetz), kehrten zahlreiche Autoren, allen voran Andreas Mölzer und Jürgen Hatzenbichler, der Aula den Rücken. Schon nach dem Mordanschlag auf burgenländische Roma im Februar 1995 ging FPÖ-Obmann Haider, der noch 1991 zum 40-jährigen Bestehen gratulierte, auf Distanz zur Aula, die als mögliche Stichwortgeberin der Bajuwarischen Befreiungsarmee polizeiliches wie mediales Interesse auf sich gezogen hatte. Zudem rückte nun der damalige steirische FPÖ-Landesrat Michael Schmid von weiteren Subventionszahlungen an die Aula ab. Derart isoliert, begann die Aula weitgehend auf rechtskonservative Positionen zu verzichten. Daneben führten Versuche, die rechtsextreme Urheberschaft des (Brief-)Bombenterrors zu leugnen, mehr und mehr zu abstrusen Verschwörungstheorien.

Unter dem maßgeblichen Einfluss des deutschen Rechtsextremisten Jürgen Schwab beschränkte sich die Aula in Themen- und Autorenauswahl mehr und mehr auf die engere rechtsextreme Szene (mit Schwerpunkt BRD). Neben deutlichen Sympathiebekundungen für rechtsextreme Parteien steht die Aula diesen heute auch unmittelbar offen. So wurde 1998 dem Bundesvorsitzenden der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD), Udo Voigt, Raum zur Darstellung seines “Deutschen Sozialismus” geboten.

Die zunehmende Radikalisierung hält einige FPÖ-Funktionäre aber nicht davor ab, weiterhin in der Aula zu publizieren; so etwa Werner Neubauer (Gemeinderat in Linz, Obmann der Bergiselbundes), Siegfried Dillersberger (ehem. Landtagsabgeordneter in Tirol), Mag. John Gudenus (Bundesrat), Gerhard Kurzmann (Nationalratsabgeordneter), Wolfgang Jung (Nationalratsabgeordneter), Hans Achatz (Landesrat in Oberösterreich), Helmut Kowarik (Landtagsabgeordneter in Wien), Barbara Schöfnagel (Landtagsabgeordnete in Wien), Martin Hobek (Bezirksrat in Wien) und Lutz Weinzinger (Landtagsabgeordneter in Oberösterreich). Interviews gaben in jüngster Zeit Ewald Stadler (ehemaliger Landesrat in Niederösterreich), Martin Graf (Nationalratsabgeordneter), Gerhard Hager (Abgeordneter zum Europäischen Parlament), Hans Achatz, Helene Partik-Pablé (Nationalratsabgeordnete); zustimmende Leserbriefe von Lutz Weinzinger, Hans Jörg Schimanek sen. (ehemaliger Landesrat in Niederösterreich), Elmar Podgorschek (Vizebürgermeister in Ried i. I.), Paul Tremmel (ehemaliger Landtagsabgeordneter in der Steiermark), Werner Neubauer und John Gudenus. Wie die FPÖ allen Distanzierungen zum Trotz zur Aula steht, geht auch aus einer parlamentarischen Anfrage der freiheitlichen Abgeordneten Dipl.-Ing. Maximilian Hofmann und Kollegen hervor. Darin werden die Freiheitlichen Akademikerverbände und deren “Mitgliederzeitschrift ‘Aula’” unter “FP-Vorfeldorganisationen” angeführt. (Anfrage, XX GP-NR, 5310/J, 1998-12-02)

Zur Charakteristik der Aula siehe ausführlich Gärtner, Reinhold: Die Aula, in: Stiftung Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.): Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus. Wien 1994, S. 278-296; ders.: Die ordentlichen Rechten. Die Aula, die Freiheitlichen und der Rechtsextremismus, Wien 1996

Siehe auch: Ex-NPD-Chef Deckert zeigt Papst wegen Beihilfe zur Holocaust-Leugnung an, Der Papst und der Holocaust-Leugner: Merkel fordert Klarstellung, Erinnerungspolitik: Kunst vs Pädagogik?, Die NPD und der Holocaust: Relativieren statt leugnen“Geschichtspornografie” im ZDF: “Ein bisschen Nazi spielen”, Täterforschung im globalen Kontext: Blick auf moralische Umformatierung richten, Etwa 35 Neonazis bei antisemitischer NPD-”Mahnwache”, Von der “mitteldeutschen Volksfront” bzw. der “Volksfront von Mitteldeutschland”NPD-Fraktion boykottiert erneut Gedenken an Opfer des Holocaust, Holocaust-Relativierung und Täter-Opfer-Umkehr: Neonazis am 27. Januar gegen “Holocaust” in Gaza, Biografie von Horst Mahler – eine mindestens doppelte Wandlung, Antisemitismus in Europa – und der hilflose Kampf der UNO gegen den Judenhass, Bergen-Belsen: Wie wird erinnert, wenn bald keine Zeitzeugen mehr da sind?, “Berlin bewegt”, “Ravensbrück rührt”, “Betrifft: Bergen-Belsen”, Auschwitz: Das präzedenzlose Verbrechen, Antisemitische und rassistische Hetze: NPD erreicht mal wieder einen Eklat, David Irving bei Big Brother?, TV- und Buchtipp: Die Odyssee der Kinder, Pogrom vom 9. November 1938: Weißwäscher am Werk, Hessen: Neonazi-Aufmarsch verboten, Neonazis wollen zur Reichspogromnacht aufmarschieren, Historiker: SS-Führer Himmler war verklemmter Einzelgänger, Sobibor 1943: Aufstand in der Hölle

Kein Kommentar »

  • Leser said:

    Na, das ist ja mal interessant…

    Da sich der Vatikan wohl nicht besonders für die Meinung seiner Anhänger zu intessieren scheint, stimmen diese jetzt offensichtlich mit den Füßen ab:
    Papst-Abstimmung mit den Füßen
    http://www.ksta.de/html/artikel/1233911279283.shtml

    “Nach der Wiederaufnahme der Pius-Bischöfe in die katholische Kirche und dem Streit um Holocaustleugner Bischof Williamson nimmt die Zahl der Austritte offenbar stark zu. Laut eines Mitarbeiters von “Radio Vatikan” sei das Vertrauen der deutschen Katholiken zu ihrem Papst “ein wenig lädiert”.”

  • Jürgen Schwab* said:

    Es handelt sich natürlich nicht um einen Jürgen Schwarz, sondern um Jürgen Schwab, der diese Festschrift zum 150. Jubiläum der bürgerlichen Revolution herausgegeben hat, für die wir unseren nationalrevolutionären Kameraden Joseph Ratzinger gewinnen konnten.

    *Nach Angaben von Jürgen Schwab stammt dieser Kommentar nicht von ihm.

  • SG (Politik erklärt) said:

    Man sollte Ratzinger/Benedikt XVI. nicht an dem messen, was ein Verlag, bei dem ein Beitrag von ihm erschienen ist, sonst noch publiziert, sondern an dem, was er selbst geschrieben hat.

  • Phil said:

    Ich frage mich was die deutschen Neonazis zu den jüngsten Aktionen und auch zu diesem Aspekt des Papstes sagen…

    Vielleicht heißt es ja bei denen bald “Habemus Papam” und nicht mehr “Odin statt Jesus”.

    ;o)

  • » Ach, apropos Papst: Der hat schon öfter … Nachtwächter-Blah said:

    [...] apropos Papst: Der hat schon öfter mal Gesinnung an den Tag gelegt. [...]

  • olaf said:

    jetzt wundert einen in der tat überhaupt nichts mehr. hochwürden und gefolge drehen derzeit ja immer mehr am rad.

  • E.S. said:

    1. Warum wird ein Autor (egal, wer es ist) nicht an den konkreten Inhalten seiner Beiträge gemessen, sondern daran, ob darunter auch “umstrittene” Blätter sind?

    2. Warum wird zur Einschätzung eines Blattes nicht eine Position des österreichischen Innenministeriums als offizieller stattlicher Behörde herangezogen, sondern eine Stellungnahme des rein privaten DÖW?

  • Niels said:

    1. Weil dadurch klar wird, dass der Kollege anscheinend keine Berührungsängste mit Rechtsextremisten hat.

    2. Weil offizielle Ministerien leider oft schlechter informiert sind, als gut organisierte Recherchegruppen vor Ort.

  • Jürgen Schwab said:

    Hier kann sich wohl jeder unter “Jürgen Schwab” eintragen …
    Der oben stehende “Jürgen Schwab” ist jedenfalls nicht dem gleichnamigen nationalen Publizisten Jürgen Schwab identisch. Der damalige Kardinal Ratzinger hat in der Tat in dem von mir mitherausgegebenen Sammelband “1848 – Erbe und Auftrag” einen Beitrag veröffentlicht.

  • Vermischtes « Entdinglichung said:

    [...] Offenbar erschien 1998 ein Aufsatz mit dem Titel “Freiheit und Wahrheit” des heutigen Papstes Benedikt Ratzinger XVI. in [...]

  • E.S. said:

    @Niels

    1. Tut mir leid, das zeugt aber von Realitätsferne. In Zeitungen und bei Sammelbänden hängt die Tatsache, ob sich in der Publikation auch problematische Beiträge finden, nicht vom Autor, sondern von der Redaktion bzw. vom Herausgeber ab. Das was der Autor zu verantworten hat, ist sein Beitrag und was darin steht.

    2. Das Innenministerium hat konkrete Richtlinien, nach denen es seine Auffassungen bildet. Eine private Einrichtung braucht dies nicht, es kann mehr oder minder als extrem bezeichnen, was ihm nach eigenem Standpunkt beliebt. Die Pflicht zur genaueren Prüfung des Pro und Contra vor einer Beschuldigung hat letztlich nur die staatliche Behörde, das erscheint mir seriöser.

  • Kommentarspaltenschreiber said:

    “1. Warum wird ein Autor (egal, wer es ist) nicht an den konkreten Inhalten seiner Beiträge gemessen, sondern daran, ob darunter auch “umstrittene” Blätter sind?”

    Möglicherweise, weil die “progressiven Kräfte” in diesem Land (“taz”, B90/Grüne, *Teile* der “Linkspartei”, Lobbyisten alternativer Subkulturen und natürlich auch der Macher dieses Blogs) ihre Kampagne gegen den Papst ansonsten weniger gut durchziehen könnten.

    Es wird ja auch nicht etwa erwähnt, daß die Aufhebung der Exkommunikation der vier Mitglieder der “Pius-Bruderschaft” bereits Mitte Dezember im Vatikan beschlossen wurde – mehr als vier Wochen vor dem Auftritt Williamsons (dieses zwei Tage vor dem Stichtag – d.h. dem beschlossenen Datum der Aufhebung der Exkommunikation) im schwedischen Fernsehen (und daß die katholiche Kirche ihre Mitglieder ferner nur nach kirchlichem Recht – d.h. bei besonders schwerwiegenden moralischen und sittlichen Verfehlungen – aus der Kirche auszuschließen gewohnt ist – und gedenkt [und nicht, weil die liberalen Zeitungen in der Presselandschaft einen -Skandal- (im wahrsten Sinne des Wortes) herbeischreiben]).

  • Reisender said:

    Und ein Papst, der sich mit einem kommunistisch orientierten Attentäter trifft, ist dann automatisch ein päpstlicher Kommunist, oder kommunistischer Papst?

    Sicherlich ist die braune Stimmung noch am meisten von allen deutschen Bundesländern in Bayern verbreitet. Noch immer ist es in den Familien extrem weit verbreitet, seine Nachfahren ausländerfeindlich zu erziehen. Als Ausländer zählt automatisch schon jeder ausserhalb der Weisswurschtgrenze. Doch trotz alledem halte ich es für abwegig, auch den Papst als rechten Gesinnungsgenossen zu bezeichnen. Die linken Kirchenhasser sollten nicht immer auf die alten Sowjet-Taktiken zurückgreifen. Insofern unterscheiden sie sich auch nicht sehr von den rechten Unterbelichteten.