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Dokumentation: Offener Brief zu Attacke auf 17-Jährige in Halle

20. April 2009 11:21 27 mal gelesen Kein Kommentar

Die Opferberatung Sachsen-Anhalt hat einen Brief eines Vaters dokumentiert, dessen Tochter im Dezember 2007 auf dem Weihnachtsmarkt in Halle/S. von einem Rechtsextremisten angegriffen wurde. Dabei urinierte der Täter auf die 17-Jährige und schlug ihr ins Gesicht.

Nach vier Verhandlungstagen sprach das Amtsgericht Halle unter Vorsitz von Richter Petersen am 11. März 2009 einen einschlägig vorbestraften und zum Zeitpunkt der Tat unter Bewährung stehenden Rechtsextremisten vom Vorwurf der Körperverletzung in zwei Fällen frei. “Die Wahrscheinlichkeit, dass der Angeklagte der Täter ist, ist sehr hoch, mag sogar über 90% liegen … aber es reicht nicht für eine Verurteilung”, so der Richter.

Lesen Sie hier den offenen Brief des Vaters der Betroffenen als Reaktion auf das Urteil:

DANKSAGUNG

Danke an alle, die dem Recht zum Recht verhelfen wollten!

Zum Geschehen:

Auf dem Weihnachtsmarkt in Halle werden ein 17jähriges Mädchen und ihr Freund im Jahr 2007 aus einer Gruppe von mehreren Männern heraus mit den Worten „na ihr Punks, habt ihr kein Zuhause“ angepöbelt. Es eskaliert. Das Mädchen wird von einem der Männer anuriniert (!) und ins Gesicht geschlagen. Die herbeigerufene Polizei kann den 29-Jährigen zum Glück stellen als er auf der Flucht eine Polizistin in Zivil mit dem Schlagstock aus dem Weg räumen will. Der Mann ist einschlägig vorbestraft und gehört der rechten Szene an. Die Presse berichtete.

Danke an alle, die sich mutig im Gericht den Fragen der Juristen stellten.

Natürlich waren nicht alle Details nach über einem Jahr bei allen Beteiligten – Zivilisten sowie Polizisten – übereinstimmend. Mehrere Zeugen konnten den Angeklagten im Gerichtssaal identifizieren – jedoch nicht alle.

Der Angeklagte wurde vom Vorwurf des Anurinierens
und Schlagens des 17jährigen Mädchens
freigesprochen!

Danke an das junge Pärchen, das sich während des Prozesses auf einen Zeitungsartikel hin bei Gericht meldete. Die junge Frau war sehr nervös. Auf Nachfrage im Gericht erzählte sie, dass sie die anwesende Bekannte des Angeklagten kenne. Sie habe große Angst vor Repressalien aus dem Bekanntenkreis des Angeklagten, wenn sie ihn belastete. Sie tat es dennoch sehr mutig. Ihr Lebensgefährte ließ sich vom Angeklagten und seinem Anwalt nicht beeindrucken und erzählte dem Gericht, dass er den Angeklagten zweifelsfrei wiedererkenne Er stand bei der Tat genau daneben und rief damals die Polizei über sein Handy.

Der Angeklagte wurde vom Vorwurf des Anurinierens
und Schlagens des l7jährigen Mädchens
freigesprochen!

Danke an alle Freunde und Bekannte, die während der vier Verhandlungstage das Opfer durch ihre Anwesenheit moralisch unterstützten. Ein Wort zum Verteidiger: Jedem Angeklagten steht ein Verteidiger zu. Das ist auch gut so. Wie man die Verteidigung führt, ist nicht vorgeschrieben. Man fragt sich, wie der Verteidiger das alles mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Vielleicht hat ein Bekannter ja recht, der neulich erzählte: „Wo nichts ist, kann sich auch nichts vereinbaren“. Ob er den Verteidiger kannte, weiß man nicht.

Danke auch an die Anwältin des als Nebenklägerin auftretenden Opfers, welche mit unglaublich engagierter Art auftrat, und an die junge Frau der Mobilen Beratung für Opfer rechter Gewalt, die dem Opfer Tag und Nacht mit Rat und Tat zur Seite stand.

Bedanken wollten wir uns an dieser Stelle auch bei Parteien und Politikern. Leider ist das nicht möglich. Unsere Politiker können gut in der Zeitung und im Fernsehen Zivilcourage vom Volk verlangen. Aber selber…!?

Niemand fand unterstützende Worte.
Niemand bezog Stellung zur Tat.
Niemand war vor bei oder nach Gericht dabei.
Niemand zeigte Interesse.

Es war einfach kein politisches Interesse vorhanden (steht etwa gerade keine Wahl bevor?). Ist unsere politische Landschaft sowie Justizia wirklich auf dem “rechten Auge” blind? Oder gibt es das „rechte Auge” gar nicht mehr? Sind rechte Angriffe schon normal, so dass man sie als solche nicht mehr wahrnehmen will?

Die Staatsanwaltschaft hatte es im Vorfeld nicht leicht, da hinsichtlich dieser Tat eine äußerst schlampige Polizeiarbeit zu verzeichnen ist. Darin waren sich hier alle beteiligten Juristen einig. Dennoch erwartet man von der Staatsanwaltschaft ein wesentlich engagierteres Vorgehen als es hier gezeigt wurde. Immerhin kam letztlich auch die Vertreterin der Staatsanwaltschaft zu der Überzeugung, dass der Angeklagte in allen Punkten schuldig und zu verurteilen sei. Leider war der Richter am Ende dann doch anderer Meinung.

Der Angeklagte wurde vom Vorwurf des Anurinierens
und Schlagens des 17jährigen Mädchens
freigesprochen!

Hatte der Richter Angst? Wenn ja, wovor? Weil es eben nicht nur ein Angriff, sondern ein rechter Angriff war. Und das hätte in der Urteilsbegründung ja dann stehen müssen. Oder besaß der Richter keine Wahrnehmung für rechte Gewalt? Oder reichten die vielen Zeugen wirklich nicht aus, um auf mehr als zu einer “über 90%igen Überzeugung, dass der Angeklagte der Täter ist“ (Originalton Richter) zu gelangen? Oder? Oder? Oder? – Man wird es nie erfahren.

Danke auch an die Familie. Die Eltern, Geschwister, Großeltern, Onkel und Tanten. An alle, die dem Opfer nicht nur an den Verhandlungstagen beistanden – auch an den vielen Wochen und Monaten seit der demütigenden Tat, in denen es galt, nicht nur körperliche, sondern auch seelische Schmerzen zu lindern!

Siehe auch: Lebenslange Haft für Mord aus niedrigen BeweggründenRechte Straftaten steigen in Sachsen-Anhalt um 30 Prozen, Dessau: Gewaltexzess war möglicherweise rechtsextrem motiviert, Sachsen-Anhalt: Rechtsextremismus subkulturell geprägtBrutalisierung als bundesweiter Trend, “Neonazis geraten außer Kontrolle”, Presseschau: Rechte Gewalt wird in Sachsen-Anhalt verharmlost, “Inländerfeindlichkeit”? Immer mehr Deutsche Opfer von Neonazis

Kein Kommentar »

  • Ingo said:

    Da bin ich einfach nur noch sprachlos…

  • Dennis K. said:

    Mhh, naja, unfeiner Zug, den Verteidiger des Täters anzugreifen. So sehr ich den Missmut verstehe, darf man die Rechtstaatlichkeit dennoch nicht verdrängen. Der Verteidiger macht da einen verdammt undankbaren Job, aber er muss eben gemacht werden. Da ist’s mir lieber wenn ein Wald-und-Wiesen-Anwalt die Rechtsextremen verteidigt, als wenn die Anwälte, die selbst klar rechtsextrem sind, diese Vertretungen übernehmen (…so würde die finanzielle Infrastruktur der rechtsextremen Szene durch die Pflichtverteidigung ja noch gestärkt werden, weil die rechtsextremen Anwälte noch aus der Justizkasse bezahlt werden…).

    Ob ich selbst nach meinem Zweitstudium (Jura :D ) einen rechtsextremen verteidigen würde… mhhh, ich kann’s nichtmal mit Sicherheit sagen. Was zählt mehr? Meine persönlichen Werte, wegen denen ich die Verteidigung nicht übernehmen sollte, oder die Werte des Berufsstandes, also die Professionalität und die Verteidigung des Rechtsstaates, zu der es nunmal auch gehört, dass Nazis gute Anwälte bekommen – wie jeder Angeklagte… wie gesagt, schwierig… fast so Schwierig wie die Frage nach der akzeptierenden Sozialarbeit mit Rechtsextremen…

    Ob die Entscheidung des Richters nun richtig war… nunja, der Richter hätte sicherlich auch anders urteilen können und die Straftat als Erwiesen ansehen können, da es scheinbar doch recht sicher war. Das hätte ich mir auch gewünscht. Hat die Staatsanwaltschaft eigentlich Berufung angekündigt? Da der Prozess ja “nur” vor dem Amtsgericht war ist da ja noch der eine oder andere Rechtszug möglich :-) Eine weitere Frage wäre, ob zeitgleich noch ein Zivilprozess zwischen Opfer und Täter läuft – und wie dieser, sollte er laufen, ausgeht… aber ob’s hier viel geben würde wage ich auch zu bezweifeln…

    Etwas traurig, dieser Ausgang. Aber gut, Richter entscheiden leider häufig nicht so, wie sie es dem eigenen Werturteil entsprechend sollten. *grml*

  • Axel Mylius said:

    Ich bin da nicht sprachlos: Das ist “mitteldeutsche” Alltags-Justiz… – Das hat was mit der Angst um den “Tourismus” sowie mit der Bildung (bzw. Unbildung) hiesiger Staatsanwälte zu tun! :(

  • Elisabeth said:

    Mir geht es da wie Ingo.

  • talk jugend » : Botschaft an die Nation said:

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  • talk jugend » Kristallnacht des Oberlandgerichts Frankfurt said:

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